«Es ist nicht genug, zu wissen, man muß auch anwenden; es ist nicht genug, zu wollen, man muß auch tun.»
Johann Wolfgang von Goethe

Werkzeuge: Kompetenzrad, Fragewürfel, Aufgabenmap:

Wie können Lern- und Leistungsaufgaben gestellt werden, die nicht nur Fakten und Daten abfragen, sondern das Verstehen und Anwenden von Wissen verlangen? Wie können Lernziele für das Analysieren, Entwickeln und Bewerten so formuliert werden, dass sie zum Handeln auffordern? Welche Lernprodukte bieten sich an, um Stufen des Wissens und Könnens sichtbar zu machen? Hier finden Sie praktische Werkzeuge, um Aufgaben nach Kompetenzstufen zu differenzieren.
von Gerold Brägger und Nicole Steiner, Illustrationen von Nicole Steiner und Isabelle Truniger

Lernziel-Taxonomie nach Bloom: Lernziele handlungsorientiert formulieren

Aufgaben im Unterrichtsalltag sind unterschiedlich anspruchsvoll: Vom einfachen Reproduzieren von Wissen über ein vertieftes Verständnis von Problemen bis zum Lösen von anspruchsvollen Analyse- oder Beurteilungsaufgaben. Beim Formulieren von Lernzielen und Gestalten von Aufgaben bewährt sich eine Orientierung an der Taxonomie der kognitiven Lernziele von Benjamin Bloom.

Lernziele sind handlungswirksam und für Lernende gut verstehbar, wenn sie einen Endzustand formulieren und mit Tätigkeitswörtern (Verben) eindeutig beschreiben, welches Verhalten die Lernenden zeigen sollen.

Die am häufigsten verwendete Taxonomie der Lernziele ist jene von Benjamin Bloom (1956) sowie eine darauf aufbauende, veränderte Version, die Anderson & Krathwohl, Mitarbeitende von Bloom 2001 veröffentlicht haben. Uns überzeugt die neuere, überarbeitete Version mehr, weil sie stärker das aktive Lernen betont und anstelle von Bewerten (Evaluation) das Entwickeln und neues Schaffen (Creation) als oberste Kompetenzstufe setzt.

Die Lernziel-Taxonomie nach Bloom, Anderson & Krathwohl umfasst sechs Stufen kognitiver Lernziele und beschreibt jeweils das gewünschte Endverhalten mit Verben. Jede Stufe des Wissens und Könnens baut auf der vorhergehenden Stufe auf und beinhaltet diese.

Beispiele: Aufgaben auf verschiedenen Stufen

Sekundarstufe I: Bewerbungsschreiben

1. Wissen

Die Schüler*innen können jene Angaben nennen, die ein Bewerbungsschreiben enthalten sollte.

2. Verstehen

Die Schüler*innen können erklären, warum bestimmt Angaben im Bewerbungsschreiben enthalten sein müssen.

3. Anwenden

Die Schüler*innen können jene Angaben zusammenstellen, die für ihre Bewerbungsschreiben wichtig sind.

4. Analysieren

Die Schüler*innen können aus einem Bewerbungsschreiben überflüssige Angaben heraussuchen.

5. Bewerten

Die Schüler*innen können prüfen, ob ein Bewerbungsschreiben inhaltlich und formal korrekt ist.

6. Entwickeln

Die Schüler*innen können ein eigenes Bewerbungsschreiben schreiben.

Sekundarstufe II: Energiegewinnung

1. Wissen

Die Schüler*innen können die verschiedenen Möglichkeiten der Produktion von elektrischem Strom benennen.

2. Verstehen

Die Schüler*innen können die einzelnen Produktionsformen in ihrem Ablauf und ihren Vor- und Nachteilen erklären.

3. Anwenden

Die Schüler*innen können die Leistung von verschiedenen Produktionsformen und dem Bedarf an Elektrizität berechnen.

4. Analysieren

Die Schüler*innen können Aussagen aus der Politik zum zukünftigen Energiebedarf und der Leistungen aus den verschiedenen Produktionsformen untersuchen.

5. Bewerten

Die Schüler*innen können Szenarien entwickeln, wie verschiedene Formen der Energieerzeugung und -nutzung kombiniert werden könnten.

6. Entwickeln

Die Schüler*innen können verschiedene Energie-Produktionsformen anhand von selbst erarbeiteten Kriterien beurteilen.

Sekundarstufe I: Spaghetti Carbonara

1. Wissen

Die Schüler*innen können die verschiedenen Zutaten für Spaghetti Carbonara aufzählen.

2. Verstehen

Die Schüler*innen können die Verarbeitung der verschiedenen Zutaten im Rezept erklären.

3. Anwenden

Die Schüler*innen können Spaghetti Carbonara nach vorliegendem Rezept zubereiten.

4. Analysieren

Die Schüler*innen können einzelne Vorgehensweisen untersuchen und alternative Vorgehensweisen erkennen (wenn mehrere helfen, dann…, wenn schon vorgeschnitten, dann…).

5. Bewerten

Die Schüler*innen können Zutaten aus dem Originalrezept durch andere ersetzen und eine eigene Variante entwickeln (Pilze statt Schinken für Vegis,…).

6. Entwickeln

Die Schüler*innen können das gekochte Gericht mit einer Kriterienliste und nach Geschmack beurteilen.

Kindergarten: Äpfel

1. Wissen

Die Kinder können verschiedene Merkmale eines Apfels und eines Apfelbaums benennen.

2. Verstehen

Die Kinder können erklären, wie ein Apfel wächst.

3. Anwenden

Die Kinder können auf Bildern oder in der Natur Apfelbäume erkennen.

4. Analysieren

Die Kinder können verschiedene Äpfel/Apfelsorten untersuchen und vergleichen.

5. Entwickeln

Die Kinder können eine Apfelgeschichte erfinden, zeichnen und erzählen.

6. Bewerten

Die Kinder können verschiedene Apfelsorten nach Grösse, Geschmack und weiteren selbst gefundenen Kriterien beurteilen.