Didaktische Ansprüche an Homeschooling und Fernunterricht:

In einem Gastbeitrag setzt sich der profilierte Schulpädagoge Prof. Dr. Hilbert Meyer mit den aktuellen Bedingungen auseinander, denen sich Lehrpersonen, Schülerinnen und Schüler und Eltern ausgesetzt sehen. Welche Herausforderungen bringen Homeschooling und Fernunterricht für alle Beteiligten mit sich? Hilbert Meyer leitet daraus sechs didaktische Anforderungen an Homeschooling und Fernunterricht ab, die er für diesen Gastbeitrag formuliert hat.
von Hilbert Meyer

Die Corona-Pandemie hat den Schulbetrieb in Deutschland gründlich durcheinander gewirbelt, aber auch die hohe Flexibilität dieser von manchen als unbelehrbar kritisierten Institution gezeigt. Insbesondere das Homeschooling ist von vielen Schulen überraschend schnell eingeführt worden. Es zwingt aber auch, die Qualitätskriterien für Unterricht neu zu durchdenken. Dabei dürfte die Mehrzahl der in den letzten 20 Jahren veröffentlichten Kriterienkataloge [z.B. von der Forschergruppe COACTIV (Kunter & Voss 2011), von Andreas Helmke (2012) oder auch von mir (Meyer 2004)] ihre Gültigkeit behalten. Die Beachtung mancher Kriterien dürfte trotz deutlich erschwerter Arbeitsbedingungen sogar noch wichtiger geworden sein, z.B. die Herstellung eines lernförderlichen Klimas, die Transparenz der Leistungserwartungen und der Anspruch, nicht nur triviale Übungsaufgaben, sondern auch anspruchsvolle offene Aufgaben mit einem hohen Niveau an Selbststeuerung und -kontrolle zu stellen.

Alle Lehrpersonen, mit denen ich in den letzten Wochen gesprochen habe, hatten deutlich mehr Arbeit als vor Beginn des Homeschoolings. Die von einigen Wenigen geäußerte Meinung, Lehrer würden sich beim Shutdown auf die faule Haut legen und bezahlten Urlaub machen, ist schierer Unsinn. Homeschooling macht aber auch – wie durch ein Brennglas vergrößert – die Schwächen unseres Schulsystems deutlich (vgl. Initiativgruppe Bildungsgerechtigkeit 2020): Wer kein hilfreiches Elternhaus hat, wer nur unzureichend lesen kann, wer Deutsch nicht als Muttersprache spricht, wer beim Lernen auf Lob und Ermutigung angewiesen ist, ist beim Homeschooling gleich mehrfach benachteiligt. Er nimmt die gebotenen Hilfen an oder er taucht ab. Das gilt nicht nur für Hauptschüler*innen. Eine Gymnasiallehrerin schreibt mir: «Es gibt einzelne SchülerInnen, die «verschollen» sind und sogar einen Vater, der die Digitalisierung boykottiert. Das sind zusätzliche Probleme, die mir wirklich Sorgen machen und an denen wir so gut es geht arbeiten.» Die in Deutschland schon vor der Krise vergleichsweise niedrige Chancengleichheit sinkt beim Homeschooling noch weiter.

Einführung

Der Begriff Homeschooling hat durch die Corona-Pandemie eine veränderte Bedeutung erhalten. Es geht nicht um die in Deutschland verbotenen Versuche, Kinder durch häuslichen Unterricht vor dem verderblichen Einfluss des staatlichen Schulwesens zu schützen, sondern darum, angesichts des Shutdowns der Schulen eine Fortsetzung der Unterrichtsarbeit im häuslichen Umfeld zu ermöglichen. Ich definiere (mit Formulierungshilfen von Till-Sebastian Idel, meinem Lehrstuhl-Nach-Nachfolger an der Uni Oldenburg): 

Homeschooling ist ein durch die Schule organisierter, Fernunterricht, in dem das gemeinsame Arbeiten in der Klasse/im Lernverband  zeitlich befristet aufgehoben und durch individualisierte Hausarbeit ersetzt wird. Sie wird in unterschiedlichem Umfang von den Eltern bzw. Erziehungsberechtigten beaufsichtigt und von der Schule durch die Arbeit mit Bildungsservern und den Einsatz digitaler Medien unterstützt.

Fernunterricht (distance learning) ist übrigens nichts Neues. Schon vor 80 Jahren wurden Farmer-Kinder im australischen Busch viele Monate lang nur über Funk unterrichtet.

Homeschooling setzt basale Fähigkeiten zur Selbststeuerung des Lernens voraus. Deshalb kann es vor allem dann erfolgreich sein, wenn schon vor seiner Einführung Arbeitstechniken und Haltungen für selbstgesteuertes Arbeiten entwickelt worden sind. Schüler*innen, die Wochenplanarbeit gewohnt sind, haben es deshalb beim Homeschooling leichter.

Beim Homeschooling wird ein radikaler Schritt hin zu der seit langem geforderten stärkeren Individualisierung des Lernens gemacht, auch wenn sich das die Befürworter der Individualisierung anders vorgestellt hatten. Das bedeutet nicht, dass die Direkte Instruktion ganz verschwindet. Über Videokonferenzen, Skypen, Chatrooms usw. ist sie weiterhin möglich. Aber sie erhält einen anderen Stellenwert und wird im Umfang deutlich reduziert. Hier liegen aber auch die grundsätzlichen Grenzen des Homeschoolings. Wenn es länger als zwei oder drei Monate andauert, dürften bei einer ganzen Reihe von Schüler*innen gravierende Verwerfungen der Arbeitshaltung und der Lernkultur eintreten.

Hinzu kommen datenschutzrechtliche Bedenken. Die Lernplattformen der Kultusministerien sind zumeist o.k., die Nutzung von YouTube auch, während Facebook und Whatsapp-Gruppen datenschutzrechtlich bedenklich sind.

Blended Learning: Die meisten Bundesländer starten im Monat Mai 2020 mit Blended Learning. Der vom blended whiskey hergeleitete Begriff wird schon seit gut 30 Jahren für alle Lehr-Lernformate genutzt, in denen der herkömmliche schulische Präsenzunterricht mit E-Learning gekoppelt wird. So hofft man, wie beim Whiskey durch eine geschickte Mischung mehrerer Brände ihre unterschiedlichen Stärken zu kombinieren und die Schwächen zu kompensieren. Insbesondere die leistungsschwächeren Schüler*innen und solche mit sonderpädagogischem Förderbedarf sollen, so die Hoffnung, davon profitieren.

Bleibt zu fragen, wie dieser zumeist auf einen halben Schultag begrenzte Präsenzunterricht gestaltet wird. Die ersten Erfahrungsberichte dokumentieren einen erzwungenen Rückfall in die Steinzeit-Didaktik: Frontalunterricht mit kurzatmigen Frage-Antwort-Ritualen. Das ist kein Vorwurf an die Lehrpersonen, sondern eine Folge der Sicherheitsauflagen.

Was sich aktuell tatsächlich beim Homeschooling, beim Präsenzunterricht und beim häuslichen Lernen abspielt, sollte aber nicht nur an den mehr oder weniger zufälligen Erfahrungsberichten in den Medien festgemacht, sondern zum Gegenstand gründlicher empirischer Studien gemacht werden. Das hilft aktuell wenig, kann aber dazu beitragen, die richtigen Konsequenzen aus der Corona-Krise zu ziehen.

Überforderte Eltern?

Beim Homeschooling übernehmen Eltern und Erziehungsberechtigte unversehens eine deutlich gestiegene Verantwortung für das Lernen ihrer Kinder – oder sie tun es nicht, weil sie dies nicht wollen oder nicht können. Und viele Eltern entdecken, wie anstrengend die Moderation von Lernprozessen sein kann. Der Respekt vor dem Lehrerjob wächst. Und das ist gut so!

Homeschooling erfordert halbwegs ausreichende häusliche Arbeitsbedingungen: einen ruhigen Arbeitsplatz, einen Laptop oder ein Smartphone und Unterstützung durch Eltern bzw. Erziehungsberechtigte. Das ist keinesfalls für alle gewährleistet. Eine OECD-Studie aus dem Jahr 2018 belegt, dass Deutschland auch in dieser Hinsicht Schlusslicht in Europa ist. Natürlich schlägt nun auch die Stunde der Helikopter-Eltern. Sie können ihren Kindern hemmungslos beim Herstellen präsentabler Arbeitsergebnisse helfen, was kein Schade ist, aber für die Lehrpersonen ein Problem bringt, das sie alle schon von  Facharbeiten kennen: Eine gerechte Bewertung des tatsächlichen Leistungsstands wird deutlich erschwert.

Homeschooling – nur selten unter perfekten Bedingungen