Man darf nie verlernen, die Welt mit den Augen eines Kindes zu sehen.
Henry Matisse

Kartenset Kompetenzen im Kindergarten:

Dieses umfangreiche Kartenset zeigt die für den Kindergarten relevanten fachlichen und überfachlichen Kompetenzen in ausdrucksstarken Bildern, konkretisiert sie in verständlicher Sprache und begleitet Kinder, Lehrpersonen und Eltern. Dabei bieten die Karten Orientierung bei der Planung und Durchführung von individuellen und kooperativen Spiel- und Lernangeboten. Sie steuern unterschiedlichste Feedbacksituationen und sind Grundlagen für lernwirksame Gespräche und die Dokumentation der individuellen Entwicklung jedes einzelnen Kindes.

von Tatjana Albert, Simone Demont, Andrea Forleo, Isabelle Truniger, Mila Steiner und Nicole Steiner

Kompetenzen im Kindergarten

Im Kindergarten eröffnet sich für die Kinder ein Lebens-, Spiel-, Lern- und Erfahrungsraum, der sie in ein erweitertes Feld mit neuen Herausforderungen führt. Auf wertschätzende Weise gehen wir davon aus, dass jedes Kind individuelle Erfahrungen oder eben Kompetenzen als persönliche Schätze mitbringt. Schätze, die es zu entdecken gilt und die sichtbar machen, dass Lernen eine gemeinsame Entdeckungsreise ist.

Das vorliegende Kartenset zu den Kompetenzen der Kindergartenjahre geht von der individuellen Entwicklung des Kindes aus und begleitet alle beteiligten Personen auf vielfältige Art und Weise. Durch die Arbeit mit den Karten entsteht nach und nach eine gemeinsame Sprache des Spielens und Lernens, die es den Kindern, Kindergartenlehrpersonen und Eltern ermöglicht, die einzelnen Entwicklungsschritte und Kompetenzen wahrzunehmen, zu verstehen, gemeinsam zu besprechen und wertschätzend festzuhalten.

Orientierung, Transparenz und Sicherheit

Sich auf neue Begegnungen, Beziehungen und Situationen einzulassen, erfordert von den Kindern auch Mut und eine gehörige Portion Selbstvertrauen. Über welche Ressourcen verfüge ich bereits? Was erwartet mich/uns in diesen so wichtigen ersten Schuljahren?

Die Kompetenzkarten begleiten alle diese unterschiedlichen Prozesse. Sie bieten Orientierung, Transparenz und Sicherheit für alle, indem sie die für die Kindergartenjahre bedeutsamen Kompetenzen bildlich und sprachlich aufzeigen sowie konkret und verständlich beschreiben.

(Lern-)Entwicklung sichtbar machen und eine gemeinsame Sprache entwickeln

Die Karten können in unterschiedlichen Gesprächssituationen eingesetzt werden. Die verwendeten Bilder und verständlichen Kompetenzziele ermöglichen es, Entwicklungen aufzuzeigen und sie besprechbar zu machen: in Lerngesprächen mit Kindern oder in Standort- und Entwicklungsgesprächen mit Eltern, Erziehungsberechtigten und/oder Schulischen Heilpädagog:innen.

Der Kindergarten als Lebens-, Spiel-, Lern und Erfahrungsraum

Für junge Kinder ist dieses Zitat eine Selbstverständlichkeit: sie haben und nutzen die Möglichkeit, sich die Welt selbst zu erbauen, sie zu entdecken und zu erforschen, zu verstehen und sie sich schrittweise anzueignen. Ein ganz «natürlicher Kompetenzaufbau» also.

Dies geschieht wertvollerweise nicht allein, sondern im immerwährenden Austausch mit der Umgebung, den verschiedenen, kleinen und großen Menschen, die die Kinder dabei begleiten dürfen.

Das Zitat weist Lehrpersonen in besonderem Masse darauf hin, dass Kompetenzaufbau kein «Erledigen und Abarbeiten», sondern vielmehr ein gemeinsames Unterwegssein ist. Ein Weg, auf dem unzählige Situationen ganzheitlich und vernetzt erlebt, entdeckt und verstanden werden.

Motivierende und entwicklungsnahe Spiel- und Lernsituationen zu gestalten, in denen die Kinder Kompetenzen erleben und sichtbar machen können, ist eine Herausforderung für Kindergartenlehrpersonen. Nicht zuletzt auch aus Gründen der großen Heterogenität beim Eintritt der Kinder in den Kindergarten: Die Kinder unterscheiden sich in Bezug auf Wissen, Können, Haltung, Lernbereitschaft und sprachliche Voraussetzungen. Das Kartenset ermöglicht es der Lehrperson, die Übersicht zu behalten, sodass alle Kinder in individuellen Entwicklungsschritten ihr eigenes Potenzial entfalten können.

Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt.
Pippi Langstrumpf

Kinder im Kindergarten erleben Spielen und Lernen als Einheit. Die Kinder sind aktiv und motiviert, ihre eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten auszuprobieren, zu erleben und zu erweitern. Spielen als Lernform begleitet sie auf ihren individuellen Entwicklungsschritten. Dieses beiläufige Lernen geht mit zunehmendem Alter allmählich in ein bewusste(re)s Lernen über. Entscheidend sind positive Emotionen.

Für (junge) Kinder bleibt das Spiel eine überaus wichtige Form des Lernens. Es ermöglicht vielfältige und wirksame Räume für alters- und entwicklungsgerechtes Lernen! Das Kartenset gibt hierzu vielfältige Impulse und Anregungen.

Einführung Kompetenzorientierung im Kindergarten

Das Dossier gibt eine kurze Übersicht über die Grundlagen der Kompetenzorientierung im Kindergarten, den Aufbau und die Inhalte des Kompetenzkartensets und dessen Einsatz in der Praxis, inklusive vielfältiger Materialien.

Autor/Autorin: Nicole Steiner

Herkunft: Kartenset Kompetenzen im Kindergarten

Umfang/Länge: 9 Seiten

Fächer: alle Fächer

Stufen: 1. Stufe, 2. Stufe, Kindergarten/Vorschule

Der kompetenzorientierte Bildungsauftrag des Kindergartens

Praktiker:innen und internationale Bildungsexpert:innen stimmen darin überein, dass die Bildung der 4-6-Jährigen eine entscheidende Rolle für die spätere Schullaufbahn spielt.

Die im Kindergarten mögliche gezielte Sprachförderung ist gerade für jene Kinder von großer Bedeutung, die eine andere Muttersprache als Deutsch haben. Möglichst früh einsetzende Sprachförderung ist ein Schlüssel für den späteren schulischen Erfolg. Gute Sprachkenntnisse sind für die soziale Teilhabe und Integration zentral. Wenn Kinder mit Migrationshintergrund bzw. herkunftsbedingten sprachlichen Defiziten den Kindergarten besuchen (und auch von frühen familienergänzenden Betreuungsangeboten profitieren können), wird ihre Kompetenzentwicklung umfassend gefördert und sie können die deutsche Sprache besser und schneller erwerben.

Die Schweiz spielt hier eine Vorreiterrolle: Der Kindergarten ist Teil der obligatorischen Volksschule, für die ein gesetzlich verankerter Bildungsauftrag besteht. Der Besuch ist für alle Kinder verpflichtend und öffentlich finanziert .  Der Kindergarten ist in die Primarstufe integriert, welche zwei obligatorische Kindergartenjahre und sechs Primarschuljahre umfasst. Die beiden Kindergartenjahre und die ersten beiden Stufen der Primarschule (Grundschule) werden im Deutschschweizer Lehrplan 21 als eigenständiger«1. Zyklus» beschrieben:

«Der Lehrplan 21 ist als Fachbereichslehrplan konzipiert. Darin wird aufgezeigt, wie Kompetenzen über die ganze Schulzeit – vom Kindergarten bis zum Ende der Volksschule – aufgebaut werden. Neu wird der Kompetenzerwerb damit auch für den Kindergarten nach Fachbereichen strukturiert und beschrieben.» (aus: Lehrplan 21, Schwerpunkte des 1. Zyklus).

Der Unterricht im 1. Zyklus orientiert sich stark an der Entwicklung der Kinder und wird vor allem zu Beginn fächerübergreifend organisiert und gestaltet. Um dieser Ausrichtung Rechnung zu tragen, werden im Lehrplan 21 neun entwicklungsorientierte Zugänge beschrieben, welche die Entwicklung und das Lernen des Kindes ins Zentrum stellen:

«Zu Beginn des 1. Zyklus wird der Unterricht überwiegend fächerübergreifend organisiert und gestaltet. Der Lehrplan 21 bietet deshalb neun entwicklungsorientierte Zugänge an, die als Lesehilfe dienen und den Lehrpersonen den Zugang zu den Fachbereichslehrplänen erleichtern. Diese entwicklungsorientierten Zugänge bauen eine Brücke von der Entwicklungsperspektive zur Fachbereichsstruktur des Lehrplans und erleichtern den Lehrerinnen und Lehrern die Planung des fächerübergreifenden Unterrichts.»

(Quelle Lehrplan 21, Schwerpunkte des 1. Zyklus)

«Im Verlaufe des 1. Zyklus verschiebt sich der Schwerpunkt des Lernens von der Entwicklungsperspektive hin zum Lernen in den Fachbereichen. Die fachspezifischen Inhalte rücken zunehmend in den Vordergrund. In der Unterrichtspraxis lassen sich die entwicklungsorientierte und die fachorientierte Herangehensweise verbinden, vielfältig variieren und kombinieren. Beide Zugangsweisen bleiben miteinander verknüpft.»

Die Kompetenzorientierung im Kindergarten bietet – unabhängig von den in den jeweiligen Ländern geltenden gesetzlichen Vorgaben und Lehrplänen – große Chancen:

  • Der Kindergarten nutzt das riesige Lernpotential, das 4-6-Jährige für das spielerische Lernen und das lernende Spielen mitbringen, für eine ganzheitliche Kompetenzförderung.
  • Handlungsorientierung ist im Kindergarten Voraussetzung für individuelle Lernschritte. Wie soll ich meine Schuhe binden lernen, wenn nicht durch das Schuhebinden an sich?
  • Damit ist und bleibt die Kompetenzorientierung im Kindergarten sowohl Voraussetzung als Ziel und ist in diesem genauso tief verankert wie etwa die entwicklungs-, stärken- und ressourcenorientierte Haltung und Denkweise gegenüber den Kindern.
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