Kreatives Schreiben in der Primarschule:

Die »Schreibszenarien. Wege zum kreativen Schreiben in der Grundschule« von Eva Maria Kohl und Michael Ritter zeigen, wie aus Pflichtaufsätzen lustvolle Schreibabenteuer werden. Statt »Aufsätze erledigen« stehen eigene Ideen, Bilder im Kopf und Sprachspiele im Mittelpunkt. Kinder erleben Schreiben als ästhetische Tätigkeit – als Möglichkeit, ihre Welt und sich selbst in Sprache zu fassen.

von

Prof. Dr. Eva Maria Kohl

Prof. Dr. Eva Maria Kohl, em. Professorin für Grundschuldidaktik/Deutsch an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Autorin von zahlreichen Kinderbüchern, Hörspielen, Erzähl-und Sprachspielen, didaktischen Materialien zum freien und kreativen Schreiben mit Kindern. Forschungsarbeiten zur Kinderliteratur. Zusammen mit Michael Ritter Aufbau eines Archivs und einer Forschungsstelle für Kindertexte an der MLU.

und

Prof. Dr. Michael Ritter

Prof. Dr. Michael Ritter, seit 2015 Professor für Grundschuldidaktik Deutsch/ Ästhetische Bildung an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Zahlreiche Publikationen zur Theorie und Praxis des Schreibens in der Grundschule, auch unter besonderer Berücksichtigung heterogener Lerngruppen, zum literarischen Lernen, zur Bilderbuchtheorie, -rezeption und -didaktik.

Schreibspielräume eröffnen

Schreiben wird für Kinder dann bedeutsam, wenn sie es nicht als leidige Abschreibübung, sondern als persönliche Ausdrucksmöglichkeit entdecken können. Wir Erwachsene sind häufig überrascht, wenn Kinder uns über ihre Texte Einblicke in ihre besonderen Vorstellungswelten ermöglichen.

Um »Lust auf Schreiben« zu entwickeln, brauchen Kinder eine vertrauensvolle Atmosphäre, Zeit zum Ausprobieren, anregende Materialien und Schreibimpulse, die nicht einengen, sondern spielerisch herausfordern.

Eva Maria Kohl und Michael Ritter plädieren dafür, Schreiben als Spiel- und Experimentierfeld mit Sprache zu inszenieren: Kinder dürfen Unsinn dichten, Regeln brechen, mit Klängen, Rhythmen und Bildern von Sprache spielen. Fantasie- und Nonsenstexte sind dabei kein »Zuschlag«, sondern ein zentraler Weg, um Schreiben als kreatives, sinnstiftendes Tun zu erleben.

Das ABC des kreativen Schreibens

Im ersten Kapitel »Das ABC des kreativen Schreibens« entwerfen Kohl und Ritter den schreibdidaktischen Rahmen, in dem die späteren Schreibszenarien verortet sind. Es skizziert den Weg von der traditionellen Aufsatzdidaktik hin zu einem Unterricht, der Kinder ermöglicht, ihre eigenen Erfahrungen und Fantasien zu Papier bringen, statt vorgegebene Aufsatzthemen zu »erledigen«?
Statt fertige Formen zu reproduzieren, sollen Kinder eigene Schreibvorhaben entwickeln und Texte verfassen, in denen sie ihre Welt- und Selbstdeutungen sprachlich gestalten. Schreiben wird nicht mehr primär als korrektes, möglichst fehlerfreies Produkt verstanden, sondern als vielschichtiger Prozess des Formulierens, Ordnens und Deutens.

Stärkenorientiertes Feedback

Der Blick verschiebt sich von Fehlersuche und Textumfang hin zu den Stärken und Besonder­heiten eines Kindertextes. Die Rückmeldung sollte daher immer auch bei der Würdigung des Textes ansetzen und davon ausgehend Verbesserungs­vorschläge nicht als Hinweise auf die Unzuläng­lichkeit, sondern auf das brachliegende Potenzial des Textes artikulieren. Werden die angebotenen Freiräume kreativ genutzt, ist eine »eigene Stimme« erkennbar?

Lernen auf eigenen Wegen

Beim kreativen Schreiben können Kinder unterschiedlicher Entwicklungsstände und Leistungsniveaus miteinander arbeiten. Die Schreibszenarien lassen Freiräume, den Text als Problemlösung auf ganz unterschiedliche Weise zu realisieren. Die Texte können kurz oder lang, linear oder komplex sein, ohne ihren Reiz einzubüßen. Ein guter Text ist nicht automatisch ein langer Text und die gleiche Anregung kann auf ganz unterschiedliche Weise aufgegriffen werden.

Verschiedenartigkeit der Kinder

Da das anzustrebende Idealergebnis nicht schon vor Beginn der Arbeit feststeht, können die Ergebnisse der Kinder an ihren Möglichkeiten und an ihrer persönlichen Bereitschaft gemessen werden, mit der sie sich in den Entstehungs­prozess eingebracht haben. Kreatives Schreiben bietet als Unterrichtsmethode enorme Möglichkeiten, angemessen auf die immer stärker ausgeprägte Verschiedenartigkeit der Kinder in der Schule zu reagieren.

Rechtschreibung bleibt wichtig,

wird aber nicht zum zentralen Kriterium des kreativen Schreibens. Zuerst sollen Kinder erfahren, dass Schrift ein Medium produktiven Handelns und persönlichen Ausdrucks ist; darauf aufbauend kann die formale Seite systematisch gefördert werden.

Eine wertschätzende Textkultur

Texte werden in der Klasse vorgelesen, ausgestellt, gemeinsam bestaunt – nicht als benotete Leistung, sondern als Beiträge zu einer von Kindern mitgestalteten Schriftkultur.

Sprachkompetenzen im Kindergarten

Bereits vor der Schule können Kinder in Bildern, Rollenspielen und erfundenen Geschichten narrative Kompetenzen aufbauen – Kompetenzen, an die der Schreibunterricht bewusst anknüpfen sollte.

Chancen für Lehrpersonen, Schüler:innen, Eltern und Schulen

Für Lehrpersonen

  • Praxiserprobte Konzepte: Fertig ausgearbeitete Schreibszenarien mit klaren Abläufen, Beispielen und diagnostischen Hinweisen erleichtern die Umsetzung im Alltag – auch in heterogenen Klassen.
  • Kompetenzorientierung konkret: Die Szenarien schlagen eine Brücke zwischen kreativer Schreibpraxis und den Kompetenzanforderungen der Lehrpläne in D–A–CH.
  • Professionalisierung: Der dritte Teil mit der Analyse von Kindertexten unterstützt Lehrpersonen dabei, Texte nicht defizit-, sondern könnensorientiert zu lesen.

Für Schüler:innen

  • Schreibfreude und Selbstwirksamkeit: Kinder erleben, dass ihre Gedanken, Erfindungen und Sprachspiele ernst genommen und gewürdigt werden. Das stärkt Motivation und Zutrauen ins eigene Schreiben.
  • Sprachliche und literarische Kompetenzen: Durch wiederholtes kreatives Schreiben erweitern sie Wortschatz, Satzbau, Textstrukturwissen und literarische Gestaltungsmöglichkeiten.
  • Persönlichkeitsentwicklung: Schreiben wird zum Raum, um Gefühle, Fragen, Ängste und Hoffnungen in einer geschützten Form zu bearbeiten.

Für Eltern

  • Transparenz und Wertschätzung: Präsentationen, Ausstellungen und Lesungen der Kindertexte machen Lernprozesse sichtbar und zeigen, dass Schreiben mehr ist als »Fehler zählen«.
  • Positive Schreibhaltung: Eltern erleben ihre Kinder als kompetente Autor:innen, was häusliche Unterstützung und Interesse am Schreiben stärkt.

Für Schulen

  • Aufbau einer Schreibkultur: Wenn mehrere Klassen mit Schreibszenarien arbeiten, kann eine schulweite Kultur des Erzählens, Dichtens und Publizierens entstehen – etwa in Form von Schreibprojekttagen, Schulanthologien oder offenen Lesebühnen.
  • Passung zu Schulentwicklungsvorhaben: Die Publikation lässt sich ideal mit Schwerpunkten wie Schreibförderung, durchgängiger Sprachbildung oder der Förderung von Kreativität und Literarität verbinden.